Führungskultur

 

Tobias Bald, Unternehmensberater
und Partner von Leadership Meditation

 

Der innovative Tüftler wird zum Teamleiter der Entwicklung befördert, der erfolgreiche Monteur zum Chef des Aussendienstes erkoren, der Top-Verkäufer zum Vertriebsdirektor ernannt: Das ist die erlebte Realität in deutschen Konzernen und Mittelstandsbetrieben. Dass aber die Talente und Motive eines Top-Verkäufers nicht unbedingt harmonieren mit den Anforde-rungen und Begabungen einer Führungskraft, erschliesst sich von selbst. Noch erstaunlicher ist in der Folge, dass die neue Führungskraft in der Regel weder mental noch metho­disch auf ihre unbekannte Aufgabe vorbereitet wird. Im Idealfall gibt es didaktische Schulungen zu Management-Methoden und Kommunikationsstrategien, aber decken diese wirklich die Anforderungen an eine gute Führungskraft ab? Und was macht eine gute Führungskraft eigentlich aus? Fühlen Sie sich gerüstet und kraftvoll, um Ihre Führungsverantwortung wahrnehmen zu können?

Überprüfen wir uns einmal selbstkritisch: Wieviel Zeit haben Sie diese Woche mit der Führung Ihrer Mitarbeiter verbracht? Im Durchschnitt liegt die Antwort bei ca. 2 Stunden – wöchentlich! Der Löwenanteil der verbleibenden Zeit wird auf das verwendet, was ich „Management“ nenne, man könnte auch „Verwaltung des Zustandes“ sagen: Mails lesen und beantworten, Papierkram, Statistiken, Statusbericht verfassen, zeitfressende Meetings ohne Wirkung. Ziel hierbei ist nicht, als Führungskraft neue Wege zu eröffnen und die Zukunft zu gestalten, sondern häufig eher, sich abzusichern, Vergangenes zu dokumentieren und sich zu rechtfertigen für Zukünftiges. Und im schlimmsten Fall missbraucht die Führungskraft ihre per Organigramm verliehene Macht für die Befriedigung der eigenen egoistischen Interessen.

„Wenn Du im Großen die Dinge im Reinen halten willst, dann beginne bei Dir selbst“, sagte schon Laotse vor 2.500 Jahren. Dem Wohl der Mitarbeiter verpflichtet zu sein, Verantwortung zu übernehmen, Perspektiven aufzuweisen, Entscheidungen in Klarheit und Achtsamkeit zu treffen mit aller Wertschätzung für die Betroffenen, das macht eine Führungskraft aus. Diese Anforderungen können wir aber nur dann erfüllen, wenn wir „unsere Mitte“ kennen und wissen, was zu tun ist, wenn wir einmal aus der Kraft fallen – wenn wir in uns selbst ruhen.

Dabei unterstützt die Meditation -  das still werden, die Gedanken ruhen zu lassen, Hindernisse wahrnehmen und Altes loslassen.  Man schafft eine Distanz zum eigenen Denken und erlebt die inneren Vorgänge als Phänomene, denen man doch wahrlich nicht immer Glauben schenken muss. Dadurch bildet sich Kraft und Offenheit, die es der Führungskraft erlaubt, empfänglich zu sein für Anregungen, Ideen, Sorgen und Nöte anderer. Potenziale zu erkennen, das bedarf des In-Sich-Gehens. Dann erst fließt ein, was mein Kopf zu dieser Entscheidung sagt. Nicht umgekehrt! Das ist nicht das gleiche! Das Schöne daran ist: Führen strengt nicht mehr an, es erlebt sich wie ein natürlicher, müheloser Fluss. Es gehört ein bisschen Vertrauen und Mut dazu, es einmal zu versuchen. Aber wer es erlebt, erfährt eine räumliche Kraft, die  Stress erkennt und bewältigen kann – als Produktion des eigenen Geistes. Wer weiß, mit seiner „Mitte“ umzugehen, der trifft weitreichendere, nachhaltige Entscheidungen und findet zu einer gesunden Haltung – für sich und andere.